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Es ist nur ein Spiel... - Prolog


Es ist nur ein Spiel… Oder?

Prolog: Einführung

 

Mit einem Streichholz zündete Nina die Kerzen auf dem Tisch an, während Robin das Licht dimmte.

„So ist es doch gleich viel stimmungsvoller", grinste sie und warf ihr feuerrotes Haar mit Schwung nach hinten.

Eli musterte seine Notizen mit zusammengekniffenen Augen.

„Stimmungsvoller schon, aber ich kann so kaum etwas lesen. Wir sollten zumindest für den Anfang das Licht etwas heller lassen."

Nachdem Robin das Licht wieder heller eingestellt hatte, nickte Eli zufrieden und wandte sich an Jack.

„Du hast also noch nie ein Pen and Paper gespielt? Auch nicht davon gehört?"

Jack verzog das Gesicht. Er war offensichtlich ein Neuling auf diesem Gebiet.

„Nein, bisher nicht. Wie seid ihr denn dazu gekommen?"

„Elis großer Bruder hat uns mal mitspielen lassen. Das ist schon ein paar Jahre her, aber seitdem hat sich Eli immer für das Thema interessiert und mir keine Ruhe damit gelassen. Wir haben es dann mit ein paar Regelwerken und Abenteuern aus dem Internet ausprobiert, aber so richtig ist der Funke nie übergesprungen. Und Nina schaut hin und wieder Videos oder hört sich Podcasts darüber an", erklärte Robin und Nina nickte bestätigend.

„Macht ja nichts. So richtig gespielt haben wir es ja alle noch nicht. Wir sind also alle blutige Anfänger", sagte Eli beschwichtigend.

Er war der Älteste von den vier Freunden. Schon fast 17 Jahre alt. Seine Haare waren hellbraun und er hatte dunkelblaue Augen. Er war auch derjenige, der das heutige Treffen organisiert hatte. Seine Eltern waren übers Wochenende zu seinem älteren Bruder Louis gefahren, der Informatik studierte und deshalb bei seiner

Tante wohnte. Die ideale Gelegenheit für einen Spielabend mit Freunden.

„Wir fangen am besten am Anfang an. Also macht es euch bequem und hört gut zu."

Das ließen sich die drei anderen nicht zweimal sagen:

Robin fläzte sich auf einen bequemen alten Sessel, der so stand, dass man das große Ecksofa gut im Blick hatte. Jack und Nina machten es sich auf ebendiesem gemütlich, während Eli auf einem großen Kissen auf dem Boden saß. Er trug ein T-Shirt mit einem

Logo, das Jack noch nie gesehen hatte: Ein Würfel, der von Flammen umhüllt war.

Darunter der Schriftzug Abenteuer in Marath.

Als es sich alle gemütlich gemacht hatten, begann Eli wieder zu sprechen:

„Stellt euch vor, wie ihr das letzte Mal ein Buch gelesen oder einen Film gesehen habt, und euch dachtet, was für eine blöde Entscheidung der Hauptcharakter mal wieder getroffen hat. Ihr hättet es ganz anders und natürlich viel besser gemacht. Doch für euch

ist es natürlich nicht möglich, die Handlung eines Buches oder eines Filmes zu verändern."

 

Er machte eine Pause und sah sie der Reihe nach an. Sie nickten alle einvernehmlich. Da sie alle große Bücherfans und Serienjunkies waren, kannten sie dieses Gefühl nur zu gut.

„Aber genau dies ist bei einem Pen’n’Paper-Rollenspiel möglich. Ein Spielleiter, auch Meister genannt, erzählt eine interaktive Geschichte, in die die Spieler jederzeit eingreifen und diese verändern können. Sie können selbst entscheiden, welchen Weg der Charakter einschlägt und welche Entscheidungen er trifft."

„Im Grunde wie ein Computer-Rollenspiel, nur ohne den Computer", grinste Robin. 

Jack musste an die Abenteuer-Spiel-Bücher denken, die er als Kind so gemocht hatte, weil sie ihm ein bisschen mehr Handlungsfreiheit gegeben hatten, anstatt einfach nur die Geschichte zu lesen. Man begann bei Abschnitt 1 und hatte dann mehrere Möglichkeiten weiterzulesen und somit das Ende der Geschichte zu verändern. Anderseits kam es bei falschen Entscheidungen aber oft vor, dass man in einer Sackgasse landete und entweder die letzte Textstelle wieder raussuchen oder von vorne anfangen musste.

„Ich werde in unseren ersten Runden den Meister spielen, da ich das Regelwerk schon einmal gelesen habe und die Regeln kenne. Dann könnt ihr euch in Ruhe aufs Spielen konzentrieren. Später können wir auch abwechseln, wenn ihr wollt", sprach Eli weiter und Robin nickte erleichtert.

 

„Weniger Arbeit für uns", grinste er. Robin war erst vor kurzem 15 Jahre alt geworden und somit der Jüngste in der Gruppe. Sein blondes Haar war ungekämmt und zerzaust, aber Jack wusste, dass er das extra machte, weil er es lässig fand. Er trug eine braune

Kapuzenjacke und eine Tarnhose mit grünem Camouflage-Muster, das ihn ironischerweise überall auffallen ließ. Das besondere an Robin waren allerdings seine ungewöhnlichen Augen. Das eine war grün, während das andere blau war.

 

Eli räusperte sich und hob ein Buch hoch, sodass sie es alle sehen konnten. Es war das Regelwerk für das Pen and Paper - Rollenspiel Abenteuer in Marath.

 

„Es gibt ein ganzes Buch, das voll mit Regeln ist, und das für ein Spiel, in dem man nur mit Stift, Papier und etwas Fantasie spielt?", fragte Jack etwas ungläubig. Das Buch war nicht gerade dünn. Unmöglich, dass er sich alle Regeln würde merken können.

„Keine Sorge. In dem Buch steht noch einiges mehr als nur die Regeln. Es enthält alles, was mit dem Universum, der Welt, den Rassen, Kulturen und Professionen zu tun hat. Darin sind Bilder und Karten, damit man sich manches besser vorstellen kann. Und es enthält auch ein paar Hilfen für den Meister, um Abenteuer zu kreieren und Charaktere zu erstellen. Ich habe mich für AiM, also Abenteuer in Marath entschieden, weil es für uns etwas ganz Neues ist. Anstatt die Standard-Rassen wie Elfen, Zwerge und Orks, gibt es

in dieser Welt nämlich ganz andere Wesen: Himmlische, Dämonen, Geschuppte und

alles, was daraus entstanden ist."

„Du meinst, es gibt Engel?", fragte Nina und ihre hellblauen Augen begannen zu funkeln.

„Ja, in der Tat. Es gibt Engel, die auf fliegenden Inseln weit oben im Himmel leben und

dort ihre eigenen Dörfer und Städte erbaut haben. Vor vielen hundert Jahren haben die Himmlischen und die Dämonen um den Kontinent Marath gekämpft, konnten ihn jedoch nie bevölkern.

Dann allerdings kamen die Menschen mit Schiffen aus dem Norden und beanspruchten das Land ebenfalls für sich. Da die Menschen immer mehr wurden und gut gerüstet waren, zogen sich die Himmlischen auf die fliegenden Inseln zurück, die weder von den Dämonen noch von den Menschen betreten werden konnten. Und die Dämonen zogen sich ihrerseits durch ihre magischen Portale in die Zerrwelt zurück. Eine Parallelwelt von Marath. Die Portale können nur mit einem Portalreif durchquert werden. Es war den Menschen und Himmlischen also unmöglich in die Zerrwelt zu gelangen.

Im Jahr 500nEMm, also nach Entdeckung Maraths, hatten sich die Menschen bereits weit über Marath ausgebreitet. Es haben sich eigene Kulturen, Sprachen, Dörfer und Städte entwickelt. Das war das Jahr, in dem die Himmlischen beschlossen, sich den Menschen zu offenbaren. Sie flogen hinab

und überreichten dem damaligen König Geschenke und erzählten von ihren guten Absichten. So wurde ein Abkommen zwischen den Himmlischen und den Menschen geschmiedet und immer mehr Himmlische entschlossen sich daraufhin, ihr Glück auf Marath zu suchen. Manche Engel legten ihre Flügel ab und lebten fortan unter den Menschen. Andere wurden zu Schutzengeln, um mit ihrer Magie für einzelne Menschen oder sogar ganze Siedlungen zu sorgen und sie zu beschützen.

So sind auch die sogenannten Himmelskinder entstanden. Ein Kind eines Himmlischen und eines Menschen." 

„Es gibt Halbengel?", fragte Nina begeistert und setzte sich auf. Sie rückte ihren blauen Schal zurecht, den sie über einem grün-schwarz-gestreiften Pullover trug und lächelte selig. Sie war definitiv schon überzeugt.

Eli verkniff sich ein Grinsen und blätterte weiter durch das Buch. Seine Stimme war tief, voll und ruhig, man konnte ihm praktisch ewig zuhören:

„Natürlich dauerte es nun nicht lange, bis das Geheimnis um die Dämonen ebenfalls aufflog, denn viele Himmlische sprachen ganz offen über ihre einstigen Todfeinde. Als die Dämonen dies mitbekamen, machten sie sich ebenfalls auf, um dem König der Menschen einen Waffenstillstand anzubieten und sich zu offenbaren."

„Wie konnten sie denn wissen, dass sie aufgeflogen waren, wenn sie doch in ihrer Zerrwelt lebten?", warf Robin dazwischen. Eli zeigte ihnen zwei Bilder. Das eine zeigte eine weißhaarige Frau mit spitzen Ohren und goldgelben Augen, das Zweite einen schneeweißen Wolf, ebenfalls mit goldenen Augen.

„Jeder Dämon ist in der Lage, sich in sein Seelentier zu verwandeln. Sie waren so also in der Lage unerkannt unter den Menschen zu leben und sie zu beobachten.

Wir beginnen mit unserem Abenteuer im Jahre 730nEM, es sind also seit dem Abkommen weitere 230 Jahre vergangen und für die Menschen ist es mittlerweile relativ normal, dass Himmlische, Dämonen oder irgendwelche Mischlingskinder unter ihnen leben." 

„Du hast vorhin noch was über Geschuppte gesagt", warf nun Jack ein und fuhr sich durch

das pechschwarze Haar. Eli schlug das Buch im Inhaltsverzeichnis auf und fuhr mit dem

Finger durch die langen Reihen an Kapiteln.

„Ah hier", sagte er schließlich und schlug das Buch auf der entsprechenden Seite auf. Er räusperte sich erneut und begann vorzulesen:

„Einer Legende nach waren die ersten Menschen nicht in der Lage zu zaubern. Der Grund,

warum die Dämonen und die Himmlischen damals nie Marath bevölkert haben, waren die

wilden Drachen, die das Land beherrschten. Als die Menschen kamen, begannen sie Jagd auf

diese Drachen zu machen und ihnen das Land abzunehmen.

Vor vielen hundert Jahren soll es einen Menschen namens Nhazu Feuertod gegeben haben,

der als Drachenjäger und Anführer einer Söldnergruppe das Land bereiste und viele Drachen

tötete. Als sie gemeinsam einen der scheinbar letzten Drachen besiegten, schlug dieser einen

Handel vor: Er würde den Menschen die Macht geben, fortan Magie nutzen zu können, dafür müssten die Menschen ihm allerdings ihr Wort geben, dass Drachen in Zukunft von den

Menschen verehrt und nicht mehr gejagt werden würden. Die Gruppe ging auf den Handel ein und wurde somit der Grundstein einer neuen menschlichen Rasse, die erstmals in der Lage war, Magie einzusetzen und durch Vererbung auch weiterzugeben. Zusätzlich zur Gabe der Magie veränderte sich auch das Aussehen der Menschen, die von dem Zauber eingefangen wurden. Ihre Haut wurde schuppig, ihre Augen ähnelten denen eines Drachen.

Damit wollte der Drache sichergehen, dass die Menschen auch wirklich für die Drachen einstanden, wenn sie selbst wie eine Mischung aus Drachen und Mensch aussahen. Die Gabe der Magie hat sich im Laufe der Zeit auch unter den normalen Menschen verbreitet.

Geschuppte Menschen, die mit der Gabe der Magie geboren werden, nennt man Moraan. Wenn ein Moraan mit einem Himmlischen ein Kind zeugt, entsteht ein Morin, auch Engelsdrache genannt. Sie sind am Körper teilweise geschuppt und können gefiederte Engelsflügel, in seltenen Fällen sogar geschuppte Drachenflügel besitzen.

Aus der Vereinigung eines Moraan und eines Dämons entsteht dagegen ein Talaan, ein Dämonendrache. Sie sind wie die Dämonen auch in der Lage, sich in ihr Seelentier zu verwandeln.

In Menschengestalt haben Talaan spitze Ohren, ihre Haut am ganzen Körper ist geschuppt, am Rücken haben sie kleine Zacken, die ihnen aus der Wirbelsäule wachsen und auf ihrem Kopf tragen sie ein Hörnerpaar. In ihrer Tiergestalt kann es vorkommen, dass sie ebenfalls teilweise bis ganz geschuppt sind, ihre Zacken an der Wirbelsäule behalten und sogar Hörner haben."

 

Nun waren es Jacks grüne Augen, die begeistert aufleuchteten. 

„Es gibt Drachen? Du hast mich schon überzeugt!", sagte er und alle lachten. Jeder wusste, dass Jack ein großer Drachenfreund war. Ohnehin waren sie alle ziemliche Fantasy-Fans und bisher klang die Welt, die Eli ihnen da vorstellte mehr als interessant.

 

„Wir beginnen am besten damit, uns Charaktere zu erstellen. Anschließend starten wir in ein Abenteuer in einer kleinen Siedlung, um mit der Welt, den Charakteren und den Regeln vertraut zu werden. Einverstanden?", fragte Eli in die Runde. Alle nickten zustimmend.

„Gut, um nämlich Abenteuer bestreiten zu können, braucht es Helden. Jeder von euch nimmt sich jetzt einen Schmierzettel und einen Stift und schreibt sich 100 GP auf."

Gehorsam befolgten sie den Befehl.

„Das sind Generierungspunkte. Ich würde vorschlagen, dass unsere Charaktere alle im gleichen Alter sind, so wie wir, damit wir alle am Anfang ungefähr gleich stark sind."

„Das ist gut, aber ein bisschen älter als wir sollten sie schon sein, oder? So um die 20?", schlug Nina vor.

„Ja, das klingt gut. Ich habe jedem von euch ein leeres Heldendokument ausgedruckt, damit ihr euch alles eintragen könnt. Am besten schreibt ihr das meiste mit Bleistift, damit ihr es im Notfall ausradieren könnt", sagte Eli und verteilte an jeden ein paar Blätter.

„Habt ihr euch nach meiner kleinen Einführung denn schon Gedanken gemacht, was für Rassen ihr spielen wollt? Ich kann euch hier diese Seiten empfehlen, da kann sich jeder eine Rasse aussuchen und sich alles wichtige über sie durchlesen. Anschließend gehen wir dazu über, uns Gedanken zu machen, wo, also in welchem Land und welcher Kultur, unsere Helden aufgewachsen sind und welche Profession sie ausüben. Ich denke am meisten Zeit werden wir für die Magie brauchen. Es gibt einige Zauberzweige und viele Zauber, die man lernen kann. Da können wir uns richtig austoben", erklärte Eli und rutschte zur Seite, um Nina Platz zu machen, die sich neben ihn setzte:

„Also dann: Zeig mal her das Buch!"


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Disclaimer: Die kleinen Charakter-Portraitbilder sind mit der kostenpflichtigen Software RPG Maker MV erstellt. 

Alle weiteren Bilder auf dieser Homepage wurden von der Künstlerin Tiebex Silver gemalt, die alle Rechte daran trägt.

Blogeinträge: 170 (Stand 17.11.2023)